von Ulrike Sabine Maier
Kulturbahnhöfe, Kulturbeutel, Kulturgebeutelte und eine großartige Kulturstadt
So der Plan für die Lesung in Kaltenkirchen:
Vier Mannfrau hoch hatten wir uns enthusiastisch angemeldet, zwei Frauen zusätzlich hatten ebenfalls überlegt, die Lesung der Putlitzer-Preis-Siegertexte in Kaltenkirchen, nördlich von Hamburg, zu besuchen. Darmstadt, Recklinghausen, Bonn, Berlin und Dortmund, ganz Deutschland sollte unterwegs sein zur sympathischen Partnerstadt der 42erHeimat Putlitz und Perle Schleswig-Holsteins Kaltenkirchen. Die Geschenke sollten aus allen Regionen dorthin überführt, großartig aufbereitet und gruppendynamisch übergeben werden.
So die Realität:
Zuletzt waren wir immerhin zu zweit. Krankheit, Kinder, Arbeit, Auto, Familie, all die Gründe, die einem auch sonst im Leben ein Bein stellen. Und da ist die Bahn noch nicht mal erwähnt. Vorstandsmitglied Achim Friker und Wasserträgerin Uli Maier haben alle Hürden bis Schleswig-Holstein genommen. Achim ist in letzter Minute auf das Auto umgestiegen, weil sich sonst die Fahrzeit verdoppelt hätte. Uli hat unterwegs im Kulturbahnhof Kassel einen ICE gebucht, weil das D-Ticket im Regionalverkehr zu oft mit „Verzögerungen auf unbestimmte Zeit“ ein erfolgreiches Ankommen verhindert hätte. Der Koffer tonnenschwer mit Kultur-Geschenken für die Gastgeber! Unverpackt.



Wo man von lernen kann: Kulturstadt Kaltenkirchen
Um 19 Uhr betraten wir mit einem großen Rollkoffer die Stadtbücherei und wurden von der Kulturmanagerin Frau Weiermann (im Bild rechts, mit Udo Burzyk) begrüßt.

Neidisch waren wir, weil bei uns nur jeder Kultur macht, aber sie halt nie einer richtig managt. Und Frau Weiermann managt auch eine Art Voice of Germany, die VIBES, aber halt nur für Nordmänner und -frauen. Deshalb hier nebenbei aufgerufen: Wer aus der Ecke kommt und eine feine Stimme zu haben glaubt, der bewerbe sich! Einen Bohlen hat die Jury auch, nämlich den Bürgermeister Stefan Bohlen. Wie Dieter, nur besser!

Die Location: die Stadtbücherei
Die Stadtbücherei Kaltenkirchen wiederum besteht aus einem hochengagierten Team unter der Leitung der empathischen Frau Tröster, die unzählige Events für alle lesenden Generationen organisiert. Sogar ein Urban-Knitting-Buch mit Stephen Kings „ES“ stach uns ins Auge und unglaublich viele, gute Bücher. Unsere hatten wir ja, nebenbei gesagt, selber mitgebracht.

Die Fangemeinde: das Publikum
Das Publikum war zahlreich, sehr interessiert und Politiker der Stadt und Partnerstadt waren zugegen. Ein herzliches Wiedersehen gab es mit unserem Putlitzer Bürgermeister Burzyk und seiner Freundin Steffi Kürmann sowie der Fraktionsvorsitzenden der SPD und treue Seele Susanne Steenbuck, Bürgermeister Bohlen schon oben erwähnt und die Beate Paul der Verwaltung Kaltenkirchen, Frau Edlefsen. Eine, die immer den Überblick hat und die man immer fragen kann! Auch unsere unermüdliche Vereinsunterstützerin Susanne Gans Edle Herrin zu Putlitz war zugegen sowie die Ortsvorsteherin Ina Flach, die zuvorderst aus dem Jubiläumsbuch von 2016 Tom Liehr zitierte. Ja, sie hatte unser Buch organisiert und kennt es vermutlich besser als wir selbst. Nur eine Vermutung! Außerdem trafen wir Raimund Neumann, ehemaliger Bürgervorsteher und einstiger Schirmherr der Veranstaltung. Bekannt war er uns vom Jubiläumsfest in Putlitz 2024.

Die Stars: Leserinnen und Leser und ihre Texte
Zugegeben, als wir hörten, es lesen Persönlichkeiten aus der Kaltenkirchener Politik literarische Texte, waren unsere Erwartungen gänzlich nicht auf Profiniveau eingestellt. Aber auch hier zerschellten unsere Klischees. Exzellent ist das Wort, das uns dazu einfiel. Präzise, spannend und berührend haben alle die sehr hochwertigen Geschichten nochmal um eine Schippe aufgewertet. Überraschenderweise und zu unserer großen Freude las Steffi Kürmann, die Freundin vom bekennenden Nichtliteraten Burzyk, den Text „Achillesferse“. Wir hatten alle Tränen in den Augen und spürten selbst den Schmerz der wundgepellten Sehne am Rande eines Mutter-Tochter-Konflikts.

Wir waren mit auf der Entbindungsstation dreier werdender Väter bei „Pappahydra“, gelesen von Pamela Lohse und spürten die bittere Verzweiflung der Mutter eines autistischen Kindes in „Konrad“. Letzteres hat Elias Lampe gelesen, der Jugendstadtsprecher von Kaltenkirchen. Ja, Kaltenkirchen hat eine Jugendstadtvertretung!


Mit Thies Rickert, der auch schon auf der Putlitzer Preisverleihung war, stürzten wir in die Tiefen eines Urlaubs in „Sommerbruch“ und hörten beim Vortrag von Raimund Neumann die Sollbruchstelle eines Schädels in „Entlang der Narbe“.


Und natürlich las Susanne Steenbuck auf wunderbare Weise den Coming-of-Age-Text „Seegurke“, über die erste, komplett unromantische Party eines Mädchens, das sich auf sehr überraschende Weise zu behaupten weiß.

Benno Bergmann war der Fachmann an der Technik und ist auch Mitglied der Jugendstadtvertretung.

Frau Tröster führte auf eine sehr nahbare Weise durch den Abend. Ihr Name war auch Programm, weil sie für die manchmal sehr tragischen Texte mitfühlende Worte für das kulturgebeutelte Publikum fand.

Die Musikerinnen
Drei Mädchen, dem Nachnamen zufolge alle aus derselben Familie, spielten Klavier und Gitarre. Das wiederum auf einem so hohen Niveau, dass man fast an KI glauben wollte, aber wirklich Mädchen aus Fleisch und Blut vor uns saßen.

Das Ende
Wir bedankten uns bei allen Mitwirkenden mit unseren aktuellen Jubiläumsbüchern, Kulis und Blöcklein in sehr zerknautschten Geschenktaschen und mit sehr zerknautschten Gesichtern vom Anreisestress und von den Tränen beim Hören der Geschichten. Udo Burzyk hatte auch Geschenke dabei, viel schicker natürlich, und sein Gesicht sah mitnichten zerrüttet aus. Achim bestach durch seine Loriot- Krawatte mit Herrn Müller-Lüdenscheidt in der Badewanne und lächelte alles weg.

Da waren: Tolle Gespräche, viel Gelächter und das Versprechen, dass wir nächstes Jahr wiederkommen!
Epilog
Zwei Tage danach: Ich sitze immer noch im Zug, während ich diese Zeilen schreibe, kurz nach Kassel, weit vor Frankfurt. Es verzögert sich alles auf unbestimmte Zeit, Störung am Stellwerk. Die Bahn hat viele Sollbruchstellen, getreu dem Motto des Wettbewerbs. Drei Stunden Veranstaltung, drei Tage Rückreise mit D-Ticket über Hamburg, Lüneburg, Göttingen, Kassel. Da waren einige Zwangsstopps drunter und die einzige Kultur, die ich im Moment noch brauche, ist der Kulturbeutel mit dem Deo. Noch bin ich nicht daheim, BUT: Kaltenkirchen is in my mind! (Soll ich mich vielleicht doch bei den VIBES bewerben … hach.)
