Keiner schreibt allein

J. Monika Walther
J. Monika Walther (Vorstandsvorsitzende des 42erAutoren e. V.)

„So lass dich doch wenigstens zum Abschied umarmen, du wunderlicher Mensch!“, lässt Dostojewski den Fürsten am Ende seines Romans „Der Idiot“ ausrufen. Der Fürst umarmt nicht. Er senkt die Arme wieder. „Warum umarmen wir Menschen einander nicht mehr“, fragt der französische Schauspieler Jean Rochefort (gestorben am 9. Oktober 2017) in einem Interview. „Das ist heutzutage eine sehr aktuelle Frage!“

Jedes Netzwerk kann eine Umarmung sein, kann helfen mit sich und dem Schreiben weiter zu kommen, im Literaturbetrieb zu bestehen. Professioneller zu werden, Handwerk mit anderen zusammen zu lernen. Die Schriftstellervereinigung 42erAutoren e. V., in der über siebzig deutschsprachige Autorinnen und Autoren organisiert sind, ist so ein Netzwerk. Textbegleitung, gegenseitiges Lektorat, Workshops, Kontakte zu Agenturen, Lektorinnen und Verlagen, Lesungen, Treffen auf den Messen, Mentoring. All das bieten die 42er, all das können die Mitglieder nutzen. Zusätzlich gibt es viele Angebote des Forums, wie die wöchentlichen Textbesprechungen und aktuellen Diskussionen zum Literaturbetrieb, Rezensionen, die öffentlich zugänglich sind, auch ohne Mitglied im Verein zu sein.

Die 42er haben sich der Literaturförderung verschrieben. Neben acht weiteren Autorenverbänden gehören die 42erAutoren zu den Gründungsmitgliedern des NETZWERKs AUTORENRECHTE und stehen so an der Seite von mehr als 7.000 durch diese Verbände vertretenen Autoren und Autorinnen für die Interessen aller ein, die literarische, journalistische, wissenschaftliche oder andere Texte verfassen und damit Geld verdienen wollen. Aber auch wissen: „Es gibt dinge, die wichtiger sind als dieses gefiedel“ (Marianne Moore). Poesie existiere erst, wenn die Schriftsteller „imaginäre gärten mit wirklichen kröten zur Besichtigung darbieten könnten“, sagt die amerikanische Dichterin M. Moore.

Keiner schreibt allein.

Und noch ein Aber: Kunst ist kein demokratischer Prozess, kein sozialer Vorgang, weil es nicht um Kompromisse und Sentiments geht. Weil, so der amerikanische Dichter W. Carlos Williams: „Es ist schwierig/in Gedichten die Nachrichten zu finden/trotzdem sterben tagtäglich Menschen qualvoll/aus Mangel an jenem, was in den Gedichten zu finden ist.“ Die frohe Botschaft der Poesie ist nicht die, dass alles gut wird oder wir Schreibenden uns in einen Schutzraum zurückziehen können, während Kriege geführt werden und Diktatoren sich Menschen als Geiseln nehmen, sondern dass die Poesie für einen Augenblick Zuflucht bietet, einen Ort, an dem wir uns verändern, neu erfinden können, damit sich in der Welt etwas verändert. Damit wir Welt neu denken, neu beschreiben.

Ingeborg Bachmann sagt es so (Juni 1973): „Und ich glaube nicht an diesen Materialismus, an diese Konsumgesellschaft, an diesen Kapitalismus, an diese Ungeheuerlichkeit, die hier stattfindet […] Ich glaube wirklich an etwas, und das nenne ich ‚ein Tag wird kommen’. Und eines Tages wird es kommen. Ja, wahrscheinlich wird es nicht kommen, denn man hat es uns immer zerstört […] Es wird nicht kommen, und trotzdem glaube ich daran. Denn wenn ich nicht mehr daran glauben kann, kann ich auch nicht mehr schreiben.“

Wir wollen aber schreiben. Nicht allein. Umarmt. In einem Netzwerk. Nutzen wir es. Nutzen Sie es.

Herzlich,
J. Monika Walther
Vorstandsvorsitzende